Renko Charts in der Praxis

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Die Weisheit der Samurai

Das wahre Können im Trading und vor allem im Daytrading besteht aus dem Verständnis der Trenddynamik und Zyklik des beobachteten Charts. Wesentlich hierbei ist die Erkenntnis der Rolle, die die Indikatoren der Technischen Analyse im gesamten Trading-Prozess spielen. Erfolgreiche Trader erkennen allein in den Charts den Trend. Sie verwenden technische Indikatoren lediglich als zusätzlichen Filter. Für Trader gibt es ein Grundprinzip: Das, was man sieht, ist die Wahrheit. Und was man nicht sieht, gibt es nicht. Mit den visuell am prägnantesten und erfolgreichsten Methoden arbeiten seit Jahrhunderten die Japaner. In diesem Bericht erfahren Sie, warum.

Der Anleger kann mit Hilfe einer besonderen visuellen Darstellung des Charts den “inneren”, d. h. den wahren Trend eines Kursverlaufs eindeutiger erkennen und wird nicht mehr von Schwankungen um den inneren Trend irritiert. Wer blind vorgegebenen technischen Indikatoren folgt, ohne die Trenddynamik zu verstehen, ist fast sicher zum Scheitern im Trading verurteilt.

Mit dem Renko-Charting stellen wir hier dem Anleger eine japanische Chartdarstellung vor, die dem obigen Verständnis der Technischen Analyse entspricht. Man erkennt die Dynamik und Trendzyklen der Märkte mit Hilfe dieser Darstellungsmöglichkeit. Sie filtert irreführende Bewegungen gegen den eigentlichen Trend heraus und bringt somit den Anleger der Wahrheit ein Stück näher. Renko-Charting ist nicht das Rezept für den sicheren Erfolg, sondern eine Darstellungsform, die in Kombination mit einer geeigneten Strategie die Chance für den Erfolg im Trading wesentlich erhöht.

Der folgende Abschnitt beschreibt die Grundidee des Renko-Charting. Anschließend werden die exakten Regeln zusammengefasst. Die zeitnahe Anwendung wird im letzten Abschnitt “Renko-Charting in der Praxis” angeschnitten.

Renko-Charting
Der Begriff Renko stammt vom japanischen Wort "renga" und bedeutet übersetzt "Ziegel". Die Darstellung eines Renko-Charts ist in seinen Regeln einfach. Renko-Charts bestehen im Aufwärtstrend aus weißen Renkos und im Abwärtstrend aus schwarzen Renkos.

Die Grundidee der Renko-Darstellung ist, dass ein neuer Renko nur dann gezeichnet wird, wenn sich der Markt um eine bestimmte Kursspanne nach oben bzw. nach unten bewegt. Der Trader legt diese Kursspanne vorab fest. Die festgelegte Kursspanne definiert auch die Größe der Renkos. Durch diese Vorgehensweise in der Chartdarstellung werden unnötige Schwankungen – Bewegungen des Charts, die gegen den Trend laufen, aber die Grundtendenz nicht stören – aus dem Chartmuster herausgefiltert. Das Renko-Charting ist eine Darstellungsform, die auf Grund ihrer Konstruktion nicht dem Originalchart entspricht, d. h. es werden unter Umständen nicht die gleichen Hochs bzw. Tiefs erreicht. Aber das Erkennen grundlegender Trendmuster wird erleichtert.

Die größte Schwierigkeit des Traders bei Erstellung des Renko-Charts ist die Festlegung der Renkogröße, also der Mindestspanne der Kursbewegung. Dafür gibt es allerdings keine Standardregel. Grundsätzlich ist die Wahl der Mindestspanne abhängig von der Volatilität des jeweiligen Kurses. Bei geringer Volatilität ist die Mindestspanne entsprechend klein zu wählen. Bei hoher Volatilität ist es sinnvoll, mit einer größeren Mindestspanne zu arbeiten. Als konkrete Vorgehensweise empfiehlt sich das Testen verschiedener Mindestspannen. Man sollte dann die Mindestspanne für einen Chart wählen, die dann offensichtliche Trendmuster erkennen lässt.
Meine Vorgehensweise ist, solange zu testen, bis sich einheitliche Basiszyklen erkennen lassen und diese Mindestspanne dann als typisch für diesen einen Kursverlauf festzulegen. Für den fortgeschrittenen Trader empfiehlt sich, die Wahl der Mindestspanne mit der Frage der Trendstärke zu beantworten – durch Hinzunahme von Trend-Indikatoren (z.B. ADX, DMI). Auf diese Vorgehensweise wird in diesem Beitrag nicht näher eingegangen. Konkrete Strategien können beim Autor angefordert werden.

Die Regeln des Renko-Charting

Regel 1
Bei zu geringen Kursänderungen, d. h. wenn die definierte Mindestspanne von Höchstkurs der vorletzten Kerze und Schlusskurs der letzten Kerze nicht überschritten wird, entsteht kein neuer Renko.
Alle Kursanstiege werden herausgefiltert und im Renko-Charting nicht dargestellt. In den Grafiken ist zu erkennen, dass die waagerechte Achse des Renko-Charts zeitunabhängig ist. Entscheidend sind Zyklik und Trend des Charts.

S. Grafik 1: Renko-Charting eines trendlosen Charts

Regel 2
  1. Ein weißer Renko entsteht nur dann, wenn der Schlusskurs der letzten Kerze mindestens um die Mindestspanne über dem Höchstkurs der vorletzten Kerze liegt. (Beispiel: vorgegebene Mindestspanne sieben, Schlusskurs der letzten Kerze ist 28, Höchstkurs der vorletzten Kerze ist 19 – es wird ein weißer Renko gezeichnet.)
  2. Die Größe der Renkos entspricht der vorgegebenen Mindestspanne (Beispiel: bei Mindestspanne sieben hat jeder Renko die Größe sieben).
  3. Ist der Schlusskurs der letzten Kerze um ein Mehrfaches der vorgegeben Mindestspanne größer als der Höchstkurs der vorletzten Kerze, dann werden entsprechend mehrere Renkos eingezeichnet. (Beispiel: vorgegebene Mindestspanne vier, Schlusskurs der letzten Kerze ist 28, Höchstkurs der vorletzten Kerze ist 19 – es werden zwei Renkos gezeichnet.)

Der Kursanstieg A-B wird als echter Anstieg auf Grundlage der vorab definierten Mindestspanne der Kurse festgelegt. Die Veränderung Schlusskurs Kerze E zum Höchstkurs Kerze D von mehr als dem Doppelten der Mindestspanne wird mit zwei Renkos gezeichnet.

S. Grafik 2: Renko-Charting eines Aufwärtstrends

Regel 3
  1. Ein schwarzer Renko entsteht dann, wenn der Schlusskurs der letzten Kerze mindestens um eine vorgegebene Mindestspanne unter dem Tiefstkurs der vorletzten Kerze liegt. (Beispiel: vorgegebene Mindestspanne sieben, Schlusskurs der letzten Kerze ist 23, Tiefstkurs der vorletzten Kerze ist 13 – es wird ein schwarzer Renko gezeichnet.)
  2. Die Größe der Renkos entspricht der vorgegebenen Mindestspanne.
  3. Ist der Schlusskurs der letzten Kerze um ein Mehrfaches der vorgegeben Mindestspanne kleiner als der Tiefstkurs der vorletzten Kerze, dann werden entsprechend mehrere Renkos eingezeichnet. (Beispiel: vorgegebene Mindestspanne vier, Schlußkurs der letzten Kerze ist 16, Tiefstkurs der vorletzten Kerze ist 25 – es werden zwei schwarze Renkos gezeichnet.)


S. Grafik 3: Renko-Charting eines Abwärtstrends

Regel 4
Die Trendumkehr erfolgt mit einem Ein-Renko-Reversal: Schließt die jetzige Kerze mit der vorab definierten Mindestspanne unter dem Tief des letzten weißen Renko, dann wird ein schwarzer Renko eingetragen. Analog hierzu folgt auf einen schwarzen Renko ein weißer Renko, falls der Schlusskurs der letzten Kerze mindestens um die Mindestspanne über dem oberen Ende des schwarzen Renko liegt.

Renko-Charting in der Praxis
Das Renko-Charting eignet sich hervorragend, um Trenddynamik und Zyklik des Marktes darzustellen. Dennoch sollte nicht nur nach Renko-Charts gehandelt werden. Der Originalchart sollte Kauf- und Verkaufentscheidungen bestätigen.

Das größte Augenmerk sollte der Trader auf die Festlegung der Mindestspanne legen. Hierbei sollten verschiedene Mindestspannen getestet werden und dann die Spanne gewählt werden, die am besten der Struktur und Zyklik des jeweiligen Marktes entspricht.
In trendlosen Märkten sind Renko-Charts ungeeignet. Daher sollte das Renko-Charting nur in Kombination mit trendbestimmenden Indikatoren (beispielsweise ADX) verwendet werden.

Das Renko-Charting ermöglicht dem Trader jedenfalls, die Trendsituation frühzeitig zu erkennen und zu nutzen. Beeindruckend ist, was das Renko-Charting in trendstarken Märkten leisten kann. Aus dem Wechsel von schwarzem zu weißem Renko ergeben sich eindeutige Kauf- und Verkaufsignale. Das gibt dem Anleger die Möglichkeit, sich mit der Welle des Trends nach oben bzw. unten tragen zu lassen und rechtzeitig vor Trendwenden abzuspringen. Verkaufs- und Kaufsmodalitäten werden eindeutig definiert.

Quelle: Technical Investor Nr. 4, Dez. 2000, S. 42

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