Relative Strength Index Classic (RSIC)

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Grundlagen: Aus W. WILDERs Feder stammen einige der beliebtesten technischen Indikatoren, die wir kennen. Er hat nicht nur das Directional – Movement – Konzept, die True – Range oder den Volatility – Index entwickelt. Auch der Parabolic - Stop and Reverse stammt von ihm. In dieser Aufzählung fehlt: der Relative – Strength – Index (RSI).
Der RSI ist in allen Softwareprodukten für die technische Analyse enthalten und jedes noch so simple Charting – Tool im Internet bietet den RSI als Indikator an.
Irreführend ist der Name des Indikators. Das als Relative Stärke bekannte Konzept, welches verschiedene Aktien oder Aktien mit Indizes vergleicht, ist in diesem Indikator nicht präsent.
Er vergleicht die Stärke von Kursverlusten einer Periode mit den Kursgewinnen und ermittelt dadurch die „innere“ Stärke des Basistitels.
Der RSI gilt als Momentum – Indikator. In manchen Quellen wird er als Weiterentwicklung des Momentums verstanden. Er arbeitet mit den Kursveränderungen einer festen Berechnungsperiode, was ihm die Bezeichnung Momentum – Indikator zu Recht verleiht.
WILDER löst mit dem RSI zwei Probleme des klassischen Momentum – Oszillators. Dieser ist sehr anfällig für einzelne Extremwerte im Basistitel. Wird das 10 Tage Momentum gemessen und vor 10 Tagen gab es einen extremen Kursausschlag, so wird das den aktuellen Momentumwert stark beeinflussen, obwohl dieser Extremkurs längst korrigiert wurde. Das andere Problem war die offene Skala des Momentum – Oszillators. Dadurch wurde der Vergleich mehrerer Aktien nach ihren Momentum – Werten erschwert.
WILDERs RSI löst das erste Problem, indem er eine interne Glättung der verwendeten Summen vornimmt. Das zweite Problem löst die RSI – Formel durch Skalierung des Indikators auf eine konstante Bandbreite zwischen 0 und 100.
Auf Grund der großen Verbreitung existieren derart viele Anwendungsmöglichkeiten, dass ich hier nur eine Auswahl vorstellen kann.
Auf Grund der großen Verbreitung existieren aber auch zahlreiche abweichende Berechnungsvariationen. Ich werde die nach WILDER genau erläutern, die anderen kurz anreißen.

Berechnung und Parameter: WILDER bildet zuerst zwei Summen. Die eine enthält alle Kursveränderungen an Tagen mit gestiegenem Schlusskurs. Die zweite enthält alle Kursveränderungen von den Tagen mit gefallenem Schlusskurs. Bei der Summierung wird ein fester Zeitraum, WILDER verwendete 14 Tage, benutzt.
Nun folgt eine Glättung der Werte, indem ein einfacher Durchschnitt berechnet wird. Jede der beiden Summen wird durch die Berechnungsperiode dividiert.
Im jetzt folgenden Schritt wird die „interne“ Stärke - von WILDER als relative Stärke bezeichnet - ermittelt.
Die durchschnittliche Summe der positiven Kursveränderungen wird durch die durchschnittliche Summe der negativen Kursveränderungen dividiert. Dieser Wert wird nun in die RSI Formel zwecks Skalierung eingefügt.

Schematische Darstellung:

wenn: Close(t) > Close(t-1) -> Up(t) = Close(t) – Close(t-1) und Down(t) = 0
wenn: Close(t) < Close(t-1) -> Up(t) = 0 und Down(t) = Close(t-1) – Close(t)
Abweichende Berechnungen unterlassen entweder die Glättung oder verwenden eine andere Methode dazu. Im Tradesignal Enterprise – RSI wird statt eines einfachen Durchschnittes ein modifizierter exponentieller gleitender Durchschnitt (MEMA) verwendet.
Die Skala des RSI wird mit zwei Extremzonen geteilt. Die eine beginnt bei 70 und trennt den Überkauft – Bereich nach oben ab. Die zweite Zone beginnt ab 30 nach unten und wir als Überverkauft – Bereich bezeichnet.

In Abb.1 sehen Sie einen Dax - Tageschart mit dem RSI – Wilder als Tradesignal Version. Darunter der RSI – Classic, das ist der ohne Glättung und als letztes den RSI – Wilder nach absolut original WILDER Berechnung. Sie sehen, dass die unterschiedliche Glättung der Werte keine großen Differenzen zwischen der Tradesignal – Version und meiner nachprogrammierten ganz unten im Chart aufzeigt. Lediglich die Classic – Version in der Mitte sticht deutlich hervor. Sie läuft öfter in die Extremzonen ein.
Trotz der Unterschiede werde ich ab hier nur noch den RSI und damit die Wilder Version besprechen. Die andere Variante gilt ab jetzt als veraltet und landet auf der Liste der „Indikatoren die kein Mensch braucht“.

Interpretation: Nachdem wir nun alle Verständnisknoten gelöst haben, bleibt eine Erkenntnis als gesichert im Kopf: Der RSI ist ein Momentum – Oszillator, der, wie andere auch, die immer gleichen Anwendungsmöglichkeiten bietet.

WILDER selbst und auch MURPHY, der den RSI ausführlich in einem seiner Bücher bespricht, bezeichnen Divergenzen zwischen RSI und Kurs des Basiswertes als wichtigste und sicherste Signalquelle. WILDER bezeichnet die weitläufig als bullische und bearische Divergenzen bezeichneten Muster als Bottom – Failure – Swing und Top – Failure Swing.

Der Top – Failure – Swing den wir als bearische Divergenz kennen, ist ein Muster das im Aufwärtstrend des Basistitels erscheint. Während dieser immer neue steigende Hochpunkte bildet, folgt der RSI auf einen neuen Hochpunkt über der Marke von 70 und formt danach aber einen tieferen Hochpunkt aus. Diese Divergenz zeigt uns eine Schwäche im Aufwärtstrend des Basistitels auf. WILDER verwendet die folgende Bewegung des Indikators unter den tiefsten Punkt des Musters als Verkaufssignal.

Ein Beispiel aus seiner Feder:
Der Bottom – Failure – Swing, auch als bullische Divergenz bezeichnet, ist ein Muster, dass wir im Abwärtstrend des Basistitels beobachten können. Während des Trendverlaufes bildet der Basistitel immer neue tiefere Tiefpunkte aus. Der Indikator folgt dieser Bewegung zunächst auf einen Tiefpunkt in die untere Extremzone. Während der Basistitel weiter fällt, bildet der Indikator aber als nächstes einen höheren Tiefpunkt heraus. Ein Signal, dass der Abwärtstrend an Kraft verliert. WILDER verwendet den folgenden Anstieg des Indikators über den höchsten Punkt des Musters als Kaufsignal.

Ein Beispiel aus seiner Feder:
Wichtig ist, dass unser Basistitel in einer Trendbewegung verläuft. In schmalen, seitwärts gerichteten Bewegungsspannen haben Divergenzen keine Aussagekraft.

In Abb.2 habe ich einen Top – Failure – Swing markiert. In Abb.3 ist ein Bottom – Failure – Swing markiert. Abb.4 zeigt den RSI mit Trendlinien.

Die nächste Signalquelle ist die Lage des Indikators innerhalb der Skala. Befindet sich der Indikator in einer der Extremzonen, gelten die Kurse als überdehnt und korrekturanfällig.
Steigt der Indikator in die obere Extremzone über der Marke von 70 und dreht dort nach unten, gilt dies als Verkaufssignal.
Fällt der Indikator in die untere Extremzone, also unter der Marke von 30 und dreht dann nach oben, gilt dies als Kaufsignal.
Für den RSI gilt hierbei das gleiche zu beachten, wie für fast alle Oszillatoren. In Phasen geringer Trendstärke, innerhalb von Tradingranges, liefert er gute Signale zum handeln. Steigt die Trendintensität an, ist er mit der daraus resultierenden starken Überdehnung der Kurse überfordert und liefert zu viele Signale gegen die Trendrichtung.
Es ist angebracht andere Indikatoren als Filter einzusetzen.

Der RSI bildet Muster heraus, die wir auch aus herkömmlichen Kurscharts kennen. Wir finden sogar Formationen, die im Chart des Basistitels nur unsauber oder gar nicht vorhanden sind. Wichtiges Hilfsmittel können Trendlinien, Kanäle oder Widerstands- und Unterstützungslinien sein. Diese werden gleich behandelt wie entsprechende Linien im Chart des Basistitels. Handelssignale liefern hier der Bruch von Widerstand und Unterstützung, der Bruch von Trendlinien oder der Bruch von Kanälen.

Es ist möglich, eine Signallinie auf den RSI zu berechnen. Dazu eignet sich jede Art von gleitendem Durchschnitt. Allerdings liefert der RSI durch seine unruhigen Verlaufsmuster sehr viele Schnittsignale, die eine große Gefahr der Fehldeutung beinhalten.

In die Skala des RSI kann eine weitere Linie, eine Mittellinie eingezeichnet werden. Diese liegt dann bei 50. Der Schnitt der Mittellinie kann als Trendwechsel gewertet werden und gilt deshalb auch als Handelssignal. Scheidet der Indikator die Mittellinie nach oben, gilt dies als Kaufsignal, schneidet er die Mittellinie nach unten, gilt dies als Verkaufssignal.

Viele Anwender des RSI experimentieren mit der Periodeneinstellung des Indikators. Je kürzer der Indikator eingestellt wird, umso ausgeprägter werden seine Bewegungen. Ein RSI über 7 Tage läuft öfter die Extremzonen an, als WILDERs Original mit 14 Tagen Berechnungsperiode. Andere Werte wie 5 Tage oder 9 Tage sind in vielen Veröffentlichungen zu finden.

Kritische Würdigung: Der Indikator liefert in der Standardeinstellung nur wenige Signale. Er läuft nur sehr selten in eine der Extremzonen ein. Kürzere Periodeneinstellungen können zwar Abhilfe schaffen, bewirken aber noch mehr Unruhe in den Bewegungsmustern. Die Verwendung einer Signallinie wird durch den unruhigen Verlauf fast unmöglich gemacht.
Die zahlreichen Hakenschläge des RSI bieten zu viel Raum für Interpretation.
E. FLOREK empfiehlt deshalb, den RSI nicht zu verwenden.

Quellen:
John MURPHY, „Technische Analyse der Finanzmärkte“
Erich FLOREK, „Neue Tradingdimensionen“
Welles WILDER, „New Concepts in technical Trading Systems“

Equilla Skript "Hier können Sie den Equilla-Code des Indikators einsehen"

Equilla Skript "Hier finden Sie die Berechnung des RSI"

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