Money Management, Teil 1

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Martingale-Theorie


Der am meisten unterschätzte Teil des Handelns ist sicherlich ein angemessenes "Money Management". Unterschätzt deshalb, weil einerseits das Thema von vielen Marktteilnehmern in seiner Bedeutung nicht erkannt wird und andererseits offensichtlich jeder, den Sie fragen, eine andere Auffassung davon hat. Manche reden von "Risikokontrolle", andere von "Diversifikation" und wieder andere bezeichnen es als "Positionsmanagement". Wir haben uns dazu entschieden, uns an einen der Market Wizards – nämlich Van K. Tharp – anzulehnen und den Begriff Positionsmanagement zu verwenden, damit wir auch eine klare Abgrenzung haben und nicht zusätzlich zur Verwirrung beitragen.

Was ist Positionsmanagement nun genau?
Positionsmanagement beantwortet ausschließlich die Frage nach dem "Wieviel".

Wieviel? => Stücke, DM-Nominalwert bzw. Kontrakte.
Da es Leute gibt, die das Thema Positionsmanagement auf einer imaginären Skala für spannende Themen auf dem Niveau von "Buchführung" einstufen, zeigen wir Ihnen zunächst einmal, was Positionsmanagement für den Trader bzw. Investor – also für Sie – tun kann.

Einverstanden? O.K. !
Der Chart auf Seite 80 zeigt die Entwicklung der Kapitalkurve eines Handelssystems: einmal ohne Positionsmanagement auf Basis eines Kontraktes und daneben die Performance des identischen Systems mit exakt den gleichen Ein- und Ausstiegspunkten, jedoch mit einem systematischen Positionsmanagement: Es handelt sich hierbei um ein Intraday-Handelssystem für den DAX-Future über einen Zeitraum von Januar 1997 bis Juli 2000.

Der Unterschied in der Performance über den gesamten Zeitraum sind 808.334 Euro – oder 744 Prozent!

Na? Interessiert?
Wir denken schon! Der Unterschied in der Performance ist während der ersten Hälfte der Trades nicht so gewaltig. Es lässt sich die typische Erscheinung beobachten, dass hier sogar die Variante ohne Positionsmanagement leichte Vorteile hat. Spätestens in der zweiten Hälfte zeigt sich jedoch die klare Überlegenheit der Variante mit Positionsmanagement. Damit Sie dieses manchmal etwas stiefmütterlich behandelte Thema in Zukunft genauer verstehen, werden wir Sie schrittweise von den Grundlagen bis hin zu einfachen, konkreten Umsetzungsbeispielen in einer fünfteiligen Serie in die wichtigsten Geheimnisse dieser Technik einführen.

Grundlagen des Positionsmanagements
Zunächst wollen wir die Grundlagen unserer Fragestellung anhand eines Beispiels erläutern. Ein Wort vorweg: Die Materie ist stellenweise komplex, da die theoretischen Grundlagen des Positionsmanagements aus den Ansätzen der Wahrscheinlichkeitstheorie und der Statistik stammen. Dennoch haben wir (bis auf eine kleine Ausnahme) auf jegliche Herleitung von mathematischen Formeln verzichtet und zeigen die Methoden und Lösungen stattdessen in Form von einfachen Beispielen. Dabei verwenden wir im Folgenden häufig Analogien zum Glücksspiel bzw. zu einem Spielkasino.

Dies geschieht nicht, weil wir den Handel an der Börse für ein Spiel halten oder gar dem gerne in der Öffentlichkeit gezogenen Vergleich der Börse mit einem Kasino huldigen, sondern aus einem einfachen Grund: Auch an der Börse hat man immer nur eine Gewinn- bzw. Verlustwahrscheinlichkeit. Jede Entscheidung wird unter Unsicherheit getroffen und in beiden Fällen lassen sich mathematische Prinzipien aus der Wahrscheinlichkeitstheorie und der Statistik anwenden. Eine andere Analogie wäre das Versicherungsgeschäft, das auf den gleichen Grundlagen basiert. Da wir die Wahl zwischen diesen beiden Analogien hatten, haben wir uns – hoffentlich zu unser aller Vergnügen – für die etwas weniger trockene Variante entschieden:

1) Van K. Tharp wurde in dem Buch Market Wizards (deutsch: Magier der Märkte) von Jack Schwager interviewed und ist ein weltbekannter Trading Coach.
2) Ralph Vince ist Autor mehrerer Bücher zum Thema Positionsmanagement, siehe u.a. Portfolio Management Formulas, Wiley 1990.

Das Problem
Ralph Vince, Buchautor und "Computer System Trading Consultant" beschäftigt sich mit der mathematischen Seite von Handelsmethoden für Aktien, Futures und Optionen. Für ein Experiment suchte er 40 Ph.D.s (der Ph.D. ist vergleichbar mit dem deutschen Doktortitel) aus, wobei er allerdings nur solche Personen auswählte, die keine Ausbildung in Statistik oder Erfahrung im Handel hatten. Diese 40 Doktoren nahmen an einer Computer-Handelssimulation teil. Sie starteten jeweils mit imaginären 10.000 US$ und bekamen je 100 Versuche.

Die Regeln waren einfach und erinnern ein bisschen an ein Spielkasino in Las Vegas. Wenn der Spieler gewann, dann erhielt er seine riskierte Summe zurück plus noch einmal den gleichen Betrag. Im Falle des Verlustes war der riskierte Betrag verloren. Im Grunde war es eine Art Setzen auf Rot oder Schwarz wie beim Roulette. Der gravierende Unterschied dazu lag allerdings in der Gewinnerwartung (statistisch zu erwartende Anzahl von Gewinnern gegenüber Verlierern).

Während beim Roulette der Spieler, der nur auf Rot oder Schwarz setzt, im Durchschnitt bei jedem 37. Mal die Farbe Grün ertragen muss und somit eine Gewinnchance von knapp unter 50 Prozent hat (36 zu 37), lagen die Chancen bei der Simulation bei 60 Prozent! Das ist ein weitaus besseres Gewinn/Verlust-Verhältnis als bei irgendeinem Spiel in Las Vegas. 60 Prozent! Das bedeutet, dass Sie nur lang genug spielen müssen, um jeden Verlust innerhalb recht kurzer Zeit aufholen zu können, und zwangsläufig (nur eine Frage der Zeit) Multimillionär werden. Sollte man meinen...

Und jetzt raten Sie mal, wie viele von diesen 40 Versuchspersonen nach Ende der 100 Versuche Geld gewonnen hatten. 40 Personen, die nicht den repräsentativen Durchschnitt unserer Bevölkerung darstellten, sondern die – ohne jeglichen Sarkasmus und mehr als nüchterne Feststellung – eher zur geistigen Elite gehörten.

Falsch!
Es waren nur zwei! Die anderen 38 haben Geld verloren. Stellen Sie sich das vor! 95 Prozent von ihnen haben Geld verloren bei einem Spiel in dem die Chancen auf einen Gewinn bei rund 60 zu 40 lagen und die Auszahlungsquote im Gewinnfall bei über 2 zu1.

Warum?
Der Grund lag darin, dass die Leute eine verhängnisvolle "Zockermentalität" entwickelten oder, anders ausgedrückt, ein erbärmliches Positionsmanagement betrieben haben. Nochmals: Diese Verluste entstanden, weil zu viel Geld im Verhältnis zum Kapital bzw. Handelslimit riskiert wurde!

Fazit
Für ein erfolgreiches Positionsmanagement benötigt man einen Plan, der festlegt, wie groß die Position bei der nächsten Transaktion denn sein soll oder darf. Es sollte klar sein, dass ein angemessenes Positionsmanagement einen sehr positiven Einfluss auf die Performance haben kann. Auf der anderen Seite steht das Risiko des "Overtrading", das auch eine noch so gute Anlage- oder Handelsstrategie ruinieren kann.

Dieser Beitrag wurde in Zusammenarbeit mit Dieter Kahlmann erstellt.

Quelle: Technical Investor Nr. 3, Okt. 2000, S. 78

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