Cup and Handle

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Einleitung
Wer hat nicht täglich mindestens einmal eine Tasse in der Hand? Meist gefüllt mit kräftig duftendem Kaffe bringt dieser unseren müden Geist in Schwung, wenn nach all zuwenig Schlaf oder zu viel Arbeit Stillstand droht. Ähnliche Wirkung hat das nun vorgestellte Kursmuster. Gleich zwei bekannte Autoren und Trader haben dieses Muster in der Vergangenheit vorgestellt und es in die Liste der „profitabel handelbaren Kursmuster“ integriert. Thomas N. Bulkowski hat ein ganzes Kapitel seiner „Enzyklopädie der Chartmuster“ dieser „Cup with Handle“ Formation gewidmet. Die Lektüre ist interessant und sollte dem geneigten Anwender einen Leitfaden zur Anwendung bzw. Nichtanwendung des Musters geben. Im Rahmen der Buchvorstellung werde ich im folgenden Text einige Auszüge aus dem Buch, kombiniert mit aktuellen Charts präsentieren und Ihnen damit die Möglichkeit zur Teilhabe am Thema geben.

Während die weitaus populärsten Kursmuster wohl Dreiecke, Schulter – Kopf – Schulter Formationen, sowie Wimpel und Flaggen sind, gehört das „Tasse mit Henkel“ Muster eher zu den Exoten. In der aktuellen Fachliteratur, in Internetforen und der Fachpresse ist schon lange nichts mehr darüber zu lesen.
Das Muster an sich ist sehr interessant, besonders wenn man in den beiden Hauptquellen die entsprechend bildhaft gehaltnen Erläuterungen zu den Vorgängen am Markt während der Musterausbildung nachliest. Jedoch zeigt sich schnell, dass ein großer Interpretationsspielraum und die schwierige Umsetzung in mechanisch überprüfbare Regeln die reale Anwendung schwierig macht, schon alleine das Auffinden gültiger Muster ist extrem Zeitaufwendig.
ErkennungsmerkmaleStellen Sie sich eine Tasse vor den Bildschirm, so dass der Henkel auf der rechten Seite der Tasse liegt. Nun vergleichen Sie einige Charts und suchen Sie nach ähnlichen Silhouetten wie die der Tasse. Es wird sehr schwierig sein, diese zu finden. Dennoch ist genau diese Form die Grundlage für das genannte Kursmuster.

Neben Thomas N. Bulkowski war William o’Neil derjenige, der das Muster in einem Buch vorgestellt hat. Bulkowski baut teilweise auf o’Neils Ausführungen im Buch „How i made Money in Stocks“ auf und wciht dessen Kriterien für das Muster auf oder fügt neue hinzu. Bulkowski hat mit beiden Sätzen an Kriterien seine Datenbank durchsucht und entsprechende Statistiken erstellt. Da die Tabelle im Buch für diesen Beitrag zu überdimensioniert ist, möchte ich die wichtigsten Kriterien zusammenfassen.

Die Formation ist eine Konsolidierungsformation und kann deshalb nur in einem Aufwärtstrend als gültig erachtet werden. Ob kurzfristig agierende Händler auch mit „ungültigen“ Formationen zurecht kommen, ist leider nicht zu erfahren. Es sollte ein Anstieg von mindestens 30 Prozent vor der Ausformung der Tasse erfolgt sein. Dem anschließend sollte ein Kursrückgang erfolgen, der nicht mehr als 50 Prozent mächtig sein darf. Damit ist die linke Seite der Tasse vollendet. Nun folgt eine Bodenbildungsphase. Bulkowski sucht hier nach runden Bodenbildungen, bei o’Neil sind auch V- förmige gültig. Spätestens bei der mechanischen Definition dieser Kriterien lässt sich diese Unterscheidung nicht mehr aufrechterhalten.
Da sich das Muster insgesamt über mehrere Monate erstreckt, kann auch die Ausbildung des Bodens Monate in Anspruch nehmen. Laut o’Neill sind sieben bis 65 Wochen vertretbare Zeiträume.
Der Bodenbildung folgt ein Anstieg, der mehr oder minder Steil in die Kursregion der linken Tassenseite führt. Es ist nicht wichtig, dass die Kursebene exakt getroffen wird. Oft ist es möglich, dass eine Konsolidierung darunter beginnt und den Henkel ausformt oder aber erst einige Schritte darüber der Henkel folgt. Dieser darf sich entgegen o’Neils Angaben bei Bulkowski auch längere Zeit, bis hin zu mehreren Wochen seitwärts bewegen. Jedoch sollte ein deutlicher Ausbruch über die Begrenzung des Henkels das Muster endgültig vollenden.

Es ist ohne geeignete Hilfsmittel, wie einem Market Scanner und das entsprechend programmierte Muster sehr schwierig, mit vertretbarem Zeitaufwand ansehnliche Muster zu finden. Ich habe mir die Arbeit etwas erleichtert und einen kleinen Indikator verwendet, der im Liefrumfang von TradeSignal enterprise 3.0 enthalten sein wird. Dieser enthält eine sehr einfache mechanische Musterdefinition, angelehnt an eine Veröffentlichung zum Thema in TAS&C 01/1999.

Bitte haben Sie Verständnis, dass ich aus Zeitgründen, auch die hier präsentierten Charts mit dieser Programmversion erstelle, die derzeit noch einer kleinen Nutzergruppe im Betatest vorenthalten ist. Aber alleine wegen der enorm gesteigerten Arbeitsgeschwindigkeit, möchte ich nicht auf eine ältere Version auf meinem Zweit PC wechseln.

Abbildung 1 zeigt den Chart de NVidia Corp. Ich habe diesen ausgewählt, weil er ein recht deutliches Muster zeigt. Alle Chartmuster unterliegen einem Interpretationsspielraum. Sie sollten sich selbst die Arbeit machen und entsprechende Auswertungen anfertigen, wenn Sie dieses Muster tatsächlich einsetzen wollen. Der Chart zeigt einen ausgeprägten Aufwärtstrend, der durch das „Cup and Handle“ Muster unterbrochen wird. Das Muster erstreckt sich über ein halbes Jahr, ehe es zum Ausbruch Ende August 2005 kommt. In der folgenden Kursbewegung ist eine weitere kleine Konsolidierungsformation zu finden, die den Musterkriterien aber weniger genau entspricht.
Der rechte Rand der Tasse ist etwas unterhalb des Kursniveaus vom linken Rand beendet, woran sich die Ausformung des Henkels anschließt. Der Ausbruch selbst findet lehrbuchmäßig am 12.08.2005 statt. An eine kleine Konsolidierung schließt sich eine Kursbewegung an, die leider an einem von Bulkowskis Fehlerkriterien scheitern würde. Es handelt sich um die 5 Prozentregel, die vorgibt, das eine Kursbewegung, die sich an ein gültiges Kursmuster anschließt die 5 Prozent kräftig überschreiten sollte um einen länger anhaltenden Kurstrend zu formen.

Beispiel 2, Abbildung 2 muss sich noch beweisen. Jedoch ist die Tasse nebst Henkel sehr gut ausgeformt. Der Ausbruch aus der Henkelformation hat bereits begonnen, scheint jedoch mit wenig Kraft abzulaufen. Hier wird ein Blick in einigen Monaten zeigen, was das Muster wert war.

Im Verlauf des Kapitels nennt Bulkowski zahlreiche andere Kriterien, die für die Aussagekraft des Musters wichtig sind. Dazu zählt eine bestimmte Volumenentwicklung, wie etwa ein deutliches Anziehen des Handelvolumens beim Ausbruch oder ein erhöhtes Volumen am Ende des einführenden Anstiegs.
Wie entsteht die Formation
Die Formation, siehe Abbildung 3, ist ein Konsolidierungsmuster, dass nach einem größeren Kursanstieg folgt. Nach dem Kursanstieg kommt es zu einem kurzen Gleichgewichtszustand zwischen Kaufkraft und Verkaufsdruck. Der anschließende leichte Kursrückgang unter nachlassendem Handelsvolumen weist auf Gewinnmitnahmen hin. Die Abgabewelle verebbt aber nach einiger Zeit, woran sich die Bodenbildung anschließt, die wiederum als eine Art Gleichgewichtszustand bezeichnet werden kann. Anschließend folgt ein Anstieg in die Kursregion der linken Tassenhälfte, deren markantes Top als Widerstand im Chartbild gesehen werden kann. Hier setzen Gewinnmitnahmen ein, die zur Ausformung des Henkels führen. Der Henkel bildet sich oft als Flagge aus, die leicht nach unten geneigt ist. Entscheidend ist, dass nach mehr oder weniger langer Seitwärtsbewegung ein Ausbruch nach oben erfolgt, der über den rechten und möglichst auch den linken Rand der Tasse hinausgeht und unter hohem Handelsvolumen geschieht. Die Korrekturphase des Henkels bringt leicht fallende Kurse mit sich.Praktische Anwendung der Definitionen:
Nun haben Sie einiges über das Muster erfahren und werden sich vielleicht an die Suche nach diesem heranwagen. Schwierig ist diese Suche allemal. Ich möchte vier Charts präsentieren, die allesamt als „Tasse mit Henkel“ gelten können, wenn man gewisse Toleranzen zulässt. Schließlich ist nicht jedes Möbelstück bei Ikea als Stuhl zu erkennen, wird aber als solcher verkauft.
Abbildung 4 zeigt eine extrem V-förmige Bodenbildung, die dazu noch einen wesentlichen Teil des vorherigen Kursanstiegs korrigiert. Hier ist das 50 Prozent Korrekturkriterium der Bodenbildung nicht mehr erfüllt. In Abbildung 5 bildet sich ein doppelter Boden aus. In Abbildung 6 ist das Muster sehr klein ausgefallen und erinnert an eine Cappuccino Tasse, die man mit abgespreiztem Finger zum Mund führt. In Abbildung 7 fehlt ein deutlicher Kursanstieg. Möglicher Weise, wäre diese Tasse deshalb während der Entstehung schon aussortiert worden?!
Mögliche Fehler:
Mögliche Fehler sind zahlreich, so dass ich nur wenige Beispiele zeigen möchte. Abbildung 8 versagt schon vor der Ausformung des Henkels und ist außerdem bescheiden klein. In Abbildung 9 ist die Bodenbildung nicht besonders gut ausgeprägt und ähnelt eher einer umgefallenen SKS Formation. Schließlich fehlt in Abbildung 10 ein markanter Anstieg und die Formation scheitert kläglich in einem starken Wasserfall.
Trading-Taktik:
Messregel: Berechnen Sie die Höhe der Formation und das Kursziel nach der Höhe der Formation vom Boden zum rechten Rand.

Kauf nach Throwback: Kaufen Sie erst nach dem Throwback. Wenn der Kurs nach dem Ausbruch unter den rechten Tassenrand sinkt (74 Prozent der Fälle), warten Sie, bis er wieder über den Rand steigt. Damit senken Sie die Fehlerquote und erreichen eine bessere Performance.
Kauf der „inneren Tasse“: Sollten Sie eine Tassenformation innerhalb einer anderen entdecken, dann kaufen Sie beim Ausbruch aus der inneren Tasse (wenn der Kurs über den rechten Rand der inneren Tasse
steigt). Verkaufen Sie, wenn das alte Hoch wieder erreicht wird.
15-Prozent-Marke Manchmal steigt der Kurs nur um zehn bis 15 Prozent. Setzen Sie einen Stopp, um Verluste zu begrenzen und Gewinne zu maximieren.

Stoppkurs Setzen sie zur Verlustbegrenzung einen Stopp knapp unter dem Henkel. Steigt der Kurs, so ziehen Sie den Stopp auf Ihren Kaufkurs oder knapp unterhalb der nächstgelegenen Unterstützungszone
nach.

Statistik:
Bulkowski hat nach strenger Auslegung der Definitionskriterien nur 37 Formationen gefunden, die weiter analysiert wurden. Die Fehlerquote lag je nach Kriterienset zwischen 14 und 38 Prozent. Der durchschnittliche Kursanstieg schwankte bei diesen Formationen zwischen 15 und 34 Prozent. Insgesamt ist die Anzahl der Muster zu gering und wirklich aussagekräftige Statistiken zu präsentieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass die gewonnenen Ergebnise auf Zufall basieren ist nicht unerheblich, so dass sich Prognosen für zukünftige Muster nur sehr vorsichtig treffen lassen. Nach der weniger strengen Variante waren es immerhin 339 Muster in seiner Datenbank, die sich als „Cup and Handle“ identifizieren ließen.

Für diesen Artikel habe ich Informationen und Textauszüge aus dem Buch:

"Enzyklopädie der Chartmuster" von Thomas N.Bulkowski verwendet.
Rezension

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