Während die Wirtschaft nun auch in Deutschland konsequent abkühlt, feiern die Börsen – fast ebenso konsequent.Deutschland: Rezession klopft an die TürGleich mehrere Dämpfer erhielt die deutsche Konjunkturwahrnehmung durch aktuell veröffentlichte Wirtschaftszahlen: Laut Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums sank die Gesamtproduktion der deutschen Unternehmen im Juni um bereinigt 0,9% gegenüber dem Vormonat. Auch die jüngste Veröffentlichung der Auftragseingänge der deutschen Industrie gibt wenig Anlass zur Freude: Ein Minus von 1,7% schlug hier im Juni gegenüber dem Vormonat zu Buche. Dies sind allerdings nur zwei aktuelle Schlaglichter auf einen Datenkranz, der nun immer eindeutiger in die gleiche Richtung zeigt – abwärts. Dennoch – und das ist erstaunlich – sind die Börsen geradezu in Festtagslaune. Früher war die Wirkungskette „Schlechte Nachrichten = Gute Kurse“ einigermaßen fest etabliert und durchaus plausibel: Die oft zutreffende Idee dahinter war, dass Fiskus und Notenbank immer dann „helfend“ eingreifen, wenn der Konjunktur ein allzu herber Absturz drohte, was die Märkte wiederum beflügelte. Mitunter war das Ergebnis solcher Eingriffe sogar die gewünschte Stabilisierung, was aber eher zufällig geschah und nicht wirklich reproduzierbar war. Sicher war dagegen, dass nach „erfolgreicher“ Schlacht der Schuldenberg höher war, als zuvor. Vielen Politikern, die sich dabei auf den Ökonomen John Maynard Keynes berufen, mangelt es jedoch vor allem an der nötigen Disziplin, um seine Theorie umzusetzen. Lord Keynes forderte nämlich, in guten Jahren konsequent Haushaltsüberschüsse anzusammeln. Dies passiert in der seit Jahrzehnten praktizierten Rosinenpicker-Variante nicht – schließlich kann die Politik mit Überschüssen ja so viel „Gutes“ bewirken ... Der Preis der für die stetig wachsende Verschuldung bezahlt wird, ist die Einengung des künftigen Handlungsspielraums. Vom Fiskus ist daher heute kaum noch Stimulation zu erwarten. Im Gegenteil: Jede ernsthafte Bemühung um eine Haushalskonsolidierung wird zu einer Belastung zur Unzeit – zumindest aus keynesianischer Sicht.
„Draghischer“ (Verbal-)AktionismusAber auch die Notenbanken haben ihre klassischen Aktionsfelder weitgehend ausgereizt. Bei Zinssätzen um die Null Prozent sind Zinssenkungen ein stumpfes Schwert. Von daher haben sich sowohl die US-amerikanische FED als auch die EZB schon mehrfach zu Maßnahmen hinreißen lassen, die noch vor wenigen Jahren als schwerer Tabubruch gegolten hätten, etwa den unverblümten Ankauf von Schulden des eigenen Staates. Mit den Schuldtiteln fremder Staaten, war dies ohnehin seit Jahrzehnten gängige Praxis, wobei die auf diese Weise bei den Notenbanken eingelagerten Staatspapiere beschönigend als Reserven bezeichnet werden. Die Chinesen, als vermutlich zweitgrößter Halter von US-Staatsanleihen (nach der FED selbst), wissen um den besonderen Charakter solcher „Reserven“.
Nun also „unkonventionelle Maßnahmen“, was eine freundliche Umschreibung für jenes letzte Aufgebot ist, das weder durch Vertrag noch Statut gedeckt ist, das man dem ehemaligen Goldman-Sachs-Mann Mario Draghi, der derzeit den EZB-Präsidenten gibt, gleichwohl ohne weiteres zutraut. Anders lassen sich die Jubelreaktionen der Märkte auf seine Äußerungen kaum deuten. In dem Maße, wie man herauszulesen glaubt, dass die EZB vor dem Hintergrund der Zuspitzung der prekären Lage Spaniens und des anderen „Super Marios“, des italienischen Ministerpräsidenten Monti, erneut Staatsanleihen aufkaufen werde, reagierte der Aktienmarkt euphorisch. Andersherum sind aber bereits leichte Enttäuschungen dieser Erwartungshaltung der Auslöser von empfindlichen Kursrückgängen, wie am vergangenen Donnerstag. Es ist eine insgesamt unerfreuliche Situation, wenn die Märkte auf diese Weise zum Spielball der Politik werden.
„Sigmar, der Taschengreifer“Wie, um die Aktualität unserer neuen
Smart Investor Ausgabe 8/2012 mit der Titelstory „König Fiskus – Die große Krake „Nimmersatt““ zu unterstreichen, werden nun die Forderungen nach einer stärkeren Besteuerung vor allem „der Reichen“ laut. Das alles ist nicht überraschend, denn trotz rekordhoher Steuereinnahmen, schafft es der Staatsapparat offenbar ganz grundsätzlich nicht, mit dem Geld seiner Bürger auch nur halbwegs ordentlich umzugehen. Dass er streng „demokratisch“ gerne dort zugreift, wo es bei einer Minderheit mit wenig Aufwand viel zu holen gibt, ist weniger ein Gerechtigkeitsthema, als ein fiskalisches Motiv. Ginge es um Gerechtigkeit, dann müssten zunächst einmal jene mit ihren Vermögen haften, die uns die Euro-Misere und den anschließenden Rettungszirkus eingebrockt haben – nach dem Verursacherprinzip. Was hingegen daran „gerecht“ oder „fair“ sein soll, die vermögenden Bürger dieses Landes zu schröpfen, um damit auch noch die Korruption und Misswirtschaft von Politikern in der Euro-Zone zu finanzieren, bleibt das Geheimnis von Initiativen wie „Reichtum besteuern – umfairteilen“. Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel sprang auf den Zug auf und machte aus seiner Sympathie für den Griff in fremde Taschen keinen Hehl. Er begründete dies unter anderem mit „den wachsenden Aufgaben“ des Staates, so als ob ihm diese auf natürliche Weise zuwüchsen. Tatsächlich spricht sachlich nichts dafür, einem Apparat, der schon heute sichtbar überfordert ist, weitere Aufgaben zu übertragen.
Zu den MärktenEinen besonders heftigen Schluck aus der Pulle nahm der DAX am vergangenen Freitag mit einem Kursanstieg von nahezu 4%. Noch am Donnerstag zuvor war der Markt von Unsicherheiten geprägt, da man in den Aussagen von EZB-Präsident Mario Draghi einen Hinweis zu erkennen glaubte, dass ein Anleihen-Kaufprogramm doch nicht unmittelbar bevorstünde. Insofern kam die Bewegung vom letzten Freitag aus heiterem Himmel. Dennoch konnte der DAX den im
Smart Investor Weekly 30/2012 skizzierten Aufwärtskanal nicht wesentlich und nachhaltig hinter sich lassen. Zudem liegt er nun inmitten der breiten Widerstandszone im Bereich von 6.800 – 7.000 Punkten. Wir haben diese Zone im letzten
Smart Investor Weekly 31/2012 ausführlich erläutert. Was die aktuelle Entwicklung so ungesund macht, ist die ständige Einflussnahme der Politik, die zu starken Schwankungen und einem erratischen Kursverlauf führt. Falls das Ziel der Politik darin besteht, die Märkte zu verunsichern, dann – aber nur dann – ist sie auf dem richtigen Weg.
Sowohl beim Euro als auch beim Bund-Future kommen die Äußerungen aus Frankfurt ohnehin nicht sonderlich gut an. Der Euro befindet sich weiter im Abwärtstrend und der Bund-Future arbeitet an seiner Toppbildung. Die Aktien dürften also weniger von blendenden Aussichten der Euro-Zone profitieren, die wie eingangs beschrieben so blendend nicht sind. Vielmehr scheinen das erste Vorboten der letzten Phase des Crack-Up-Booms zu sein, der dann eine regelrechte Flucht in Sachwerte, wozu auch ausgewählte Aktien gehören, mit sich bringen dürfte. Wenn Draghi weiter mit dem Feuer spielt, wird er auch noch das letzte Restvertrauen in die Werthaltigkeit des Euro zerstören. Die Rückzugstendenzen aus dem Euro-Raum sind jedenfalls inzwischen ebenso im Gange, wie die Wetten auf ein Auseinanderbrechen des Währungsexperiments.
Musterdepot (Aktien)Keine Änderungen.
Bei unseren Derivaten hatte die Entwicklung der letzten Tage vor allem negative Auswirkungen auf den DAX-Put (WKN GT0W2Z, Kurs akt. 0,85 EUR, Kauf zu 2,25 EUR, -62,2%), den wir als Versicherung gegen einen möglichen Markteinbruch sehen. Näheres hierzu können Sie noch einmal im letzten
Smart Investor Weekly 31/2012 nachlesen.
Aufgegangen sind unsere Überlegungen dagegen beim BUND-Future Turbo-Put (WKN TB46SW) mit einem Kurs von aktuell 9,04 EUR (Einstieg zu 7,05 EUR, +28,2%) und beim EUR/USD-Short (WKN TB73GW) mit einem Kurs von aktuell 10,86 EUR (Einstieg zu 9,05 EUR, +20,0%). Wir behalten alle drei Derivate weiter im Depot.
Musterdepot (Fonds)Keine Änderungen.
VeranstaltungshinweisSRC Research als führendes bankenunabhängiges Analysehaus für börsennotierte Immobiliengesellschaften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz lädt wie in jedem Jahr im September zu seiner großen Jahres-Investorenkonferenz ein. Am Mittwoch, den 12. September, präsentieren sich 11 namhafte Immobilien-Unternehmen auf höchster Vorstandsebene vor professionellen Anlegern und Vertretern der Wirtschafts- und Finanzpresse in Frankfurt am Main.
Aus dem gewerblichen Immobilienbereich präsentieren beispielsweise CA Immo, Prime Office, IFM Immobilien und VIB Vermögen. Aus dem wohnwirtschaftlichen Immobilienbereich präsentieren sich beispielsweise die KWG Kommunale Wohnen und die Peach Property Group. Aber auch Spezialthemen wie studentisches Wohnen oder Hotelimmobilien sind durch börsennotierte Firmen wie YOUNIQ und Warimpex sehr prominent vertreten.
Die Veranstaltung läuft ganztägig von 9:00 bis 17:30 Uhr. Die Teilnahme ist für professionelle Anleger kostenfrei bei vorheriger Anmeldung auf der SRC-Homepage unter dem Link
www.src-research.de/ffsc.
In eigener Sache – KommentarfunktionAuf unserer Website www.smartinvestor.de gibt es für die Abonnenten der Print-Ausgabe die Möglichkeit, unsere Beiträge/Artikel zu kommentieren. Bitte melden Sie sich hierzu mit Ihren Zugangsdaten, die Sie als Abonnent der Printausgabe(!) erhalten haben unter „Mein Smart Investor“ an. Die eigentlichen Kommentare können Sie dann jeweils am Ende eines Artikels eingeben. Wir würden uns freuen, falls Sie rege von dieser Möglichkeit Gebrauch machen und sich auf diese Weise mit der Redaktion und anderen Lesern austauschen.
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FazitAktuell ist eine sehr ungesunde Entwicklung an den Märkten zu beobachten – sie wurden, mehr noch als sonst, zu einem Spielball der Politik. Ein Phänomen, das sich in dem Maße verstärken wird, wie die Politik aufgrund falscher Konzepte, die Krise nicht nur nicht in den Griff bekommt, sondern sogar noch verschärft.
Ralf Flierl, Ralph Malisch
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