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07.09.2017 17:50, Dow Jones

Volkswirte sehen EZB trotz starkem Euro auf Exit-Kurs

--Ökonomen rechnen für Oktober weiterhin mit Tapering-Beschlüssen

--Euro, Aktien und Anleihen legen zu

--Draghi warnt vor Auswirkungen eines starken Euro

(NEU: Zusammenfassung mit Kommentaren von Bankvolkswirten und Marktreaktionen)

Von Hans Bentzien

FRANKFURT (Dow Jones)--EZB-Präsident Mario Draghi hat mit seinen Warnungen vor den negativen Auswirkungen eines starken Euro für Wachstum und Preisstabilität den Erwartungen eines schrittweisen Ausstiegs aus der sehr lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) keinen entscheidenden Stoß versetzen können. Während und nach der Pressekonferenz des EZB-Präsidenten wertete der Euro auf- anstatt ab. Allerdings sank die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen um gut 3 Basispunkte, was immerhin für eine gewisse Skepsis im Hinblick auf die Exit-Pläne der EZB spricht, und der Eurostoxx legte um 0,6 Prozent zu.

Volkswirte zeigten sich durchaus beeindruckt von Draghis Euro-Rhetorik, mochten aber ihre Basiszenarien - die EZB wird im Oktober mitteilen, dass sie ihre Anleihekäufe ab 2018 verringert - nicht umwerfen. Allerdings sahen sie ein gewisses Risiko, dass die EZB den Ausstieg irgendwie doch noch verzögert oder langsamer gestaltet, sollte der Euro weiter aufwerten.

 
Nordea: Draghis Euro-Sorgen zwingen Euro nicht zur Umkehr 
 

"Die EZB hat bestätigt, dass sie die Entscheidung über eine Verringerung der Anleihekäufe im Oktober treffen wird, Draghis Wechselkurssorgen waren nicht genug, um den Euro-Kurs zur Umkehr zu bewegen", schrieb Nordea-Analystin Tuuli Koivu in einem Kommentar. Für einen Euro mussten gegen 17.20 Uhr 1,2005 US-Dollar bezahlt werden. Vor Beginn der Pressekonferenz Draghis waren es 1,1970 Dollar gewesen.

Draghi sagte: "Der Wechselkurs ist kein Politikziel der EZB, aber er ist sehr wichtig für Wachstum und Inflation." Der größte Teil des EZB-Rats sei besorgt über den Wechselkurs, sein Anstieg sei der Hauptgrund für die Senkung der Inflationsprognosen. Laut Draghi will der EZB-Rat mit seinen wohl überwiegend im Oktober zu treffenden Entscheidungen für finanzielle Rahmenbedingungen sorgen, die ein Erreichen des mittelfristigen Inflationsziels von knapp 2 Prozent begünstigen.

Die Wirkung dieser Ankündigung wurde allerdings durch die Anmerkung neutralisiert, dass der EZB-Rat nicht über Schritte beraten hat, das Angebot ankaufbarer Anleihen zu erweitern - was notwendig wäre, um eine Ausweitung des APP-Programms glaubhaft in Aussicht stellen zu können.

 
EZB diskutiert nicht über Ausweitung von Emittenten- oder Emissionlimit 
 

Laut Draghi hat der Rat nämlich nicht über Änderungen am Emittenten- oder Emissionslimit diskutiert. Das bedeutet, dass einige Zentralbanken des Eurosystems früher oder später ihre Ankäufe zurückfahren müssen - vor allem die Deutsche Bundesbank. Die Zentralbanken dürfen nicht mehr als 33 Prozent einer Anleiheemission oder aller Anleihen eines Emittenten halten.

Nicht diskutiert wurde laut Draghi zudem über die künftig zu befolgende Reihenfolge der Beendigung von Anleihekäufen und ersten Zinserhöhungen. Gesprochen worden sei dagegen "sehr vorläufig" über Laufzeit und Volumen des APP-Programms (Asset Purchase Programme), sagte der EZB-Präsident. "Der größte Teil der Entscheidungen dürfte im Oktober fallen", sagte Draghi.

Die Commerzbank ist der Ansicht, dass ein anhaltender Anstieg des Euro-Wechselkurses die Normalisierung der EZB-Geldpolitik immerhin verlangsamen könnte. "Auf der Pressekonferenz ist deutlich geworden, welch große Bedeutung die EZB dem Wechselkurs Euro/US-Dollar beimisst. Wenn der Euro entgegen unseren Erwartungen weiter deutlich aufwertet, könnte die EZB das Rückfahren der Käufe verlangsamen, etwa indem sie sie im Januar nicht auf 40, sondern nur auf 50 Milliarden Euro senkt", schrieb Chefvolkswirt Jörg Krämer in einem Kommentar.

 
Commerzbank: Niedrigere Kerninflation könnte Anhebung Einlagensatz verzögern 
 

Zudem sei der zögerliche Anstieg der Kerninflation - die EZB hat ihre Prognosen hierfür gesenkt - ein gutes Argument, die eigentlich notwendige Normalisierung der Leitzinsen auf die lange Bank zu schieben, um den hochverschuldeten Staaten länger zu helfen, gibt Krämer zu bedenken.

Auch Barclays sieht nach den Warnungen Draghis vor den Auswirkungen des gestiegenen Euro-Kurses das Risiko, dass der Zinssatz für Überschusseinlagen später als von der Bank selbst erwartet angehoben wird. Wie die Volkswirte Philippe Gudin und Antonio Garcia Pascual in einem Kommentar schrieben, rechnen sie vorerst aber weiterhin damit, dass die EZB ihren Einlagensatz (derzeit minus 0,40 Prozent) Mitte und Ende 2018 um je 10 Basispunkte anheben wird. Voraussetzung sei allerdings, dass der Euro-Kurs in den nächsten Monaten nicht weiter steige.

Basisszenario des Bankhauses Lampe ist weiterhin, dass die EZB am 26. Oktober einen Verringerung ihrer Anleihekäufe mitteilten wird. Chefvolkswirt Alexander Krüger sieht aber ein gewisses Risiko, dass die EZB die Verringerung hinauszögern oder langsamer als bisher angenommen gestalten wird. "Es sind nicht alleine Erwartungen enttäuscht worden, dass die EZB schon heute sagt, um wie viel sie ihre Anleihekäufe ab 2018 verringert. Draghi hat sogar noch einen draufgesetzt und gesagt, dass man auch noch bis Dezember warten könnte, wenn die Vorbereitungen noch nicht beendet seien", gab er zu bedenken.

Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com

DJG/hab/mgo

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September 07, 2017 11:50 ET (15:50 GMT)