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03.09.2015 16:47, Dow Jones

UPDATE2/Ökonomen sehen EZB bereit zu Ausweitung des Ankaufprogramms

--Draghi: Ankäufe laufen bis September 2016 oder falls nötig länger

--EZB darf künftig mehr Wertpapiere einer Emission ankaufen

--Mittelfristige Inflationsprognose trotz Ölpreisrückgangs kaum verändert

(NEU: Aussagen von Bankvolkswirte, Marktreaktionen)

Von Hans Bentzien

FRANKFURT (Dow Jones)--Die Europäische Zentralbank (EZB) lässt ihre Geldpolitik trotz etwas eingetrübter Inflations- und Wachstumsperspektiven vorerst unverändert. Sie ist allerdings bereit, ihr Wertpapierkaufprogramm auszuweiten und trifft dafür erste technische Vorbereitungen. Volkswirte sehen nun eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass die Anleihekäufe über den bisherigen Zieltermin September 2016 hinaus fortgeführt werden.

Präsident Mario Draghi sagte in seiner Pressekonferenz nach Abschluss der turnusmäßigen Beratungen des EZB-Rats, das Ankaufprogramm mit einem monatlichen Volumen von 60 Milliarden Euro laufe reibungslos und solle bis Ende September 2016 oder falls nötig auch darüber hinaus fortgeführt werden - mindestens so lange, bis sich die Inflation nachhaltig in Richtung des Inflationsziels von knapp 2 Prozent bewege.

Ob diese Ausweitung über ein höheres monatliches Ankaufvolumen oder über eine längere Laufzeit geschehen würde, ist laut Draghi noch nicht klar. "An dem Punkt sind wir noch nicht, das ist nicht diskutiert worden", sagte der EZB-Präsident. Der EZB-Rat beschloss, den Pool der durch die EZB aufkaufbaren öffentlichen Anleihen etwas zu vergrößern. Künftig darf die EZB 33 Prozent einer einzelnen Emission ankaufen. Bisher waren es 25 Prozent. Voraussetzung ist allerdings, dass die EZB keine Sperrminorität erlangt.

"Das ist für mich ein ganz klarer Hinweis darauf, dass die EZB bereit ist, mehr zu tun", sagte Alexander Krüger, Chefvolkswirt des Bankhauses Lampe. Das stehe zwar nicht unmittelbar bevor, doch sei diese Perspektive nun ebenso klar wie die weitere Absenkung des bei minus 0,20 Prozent liegenden Satzes auf Bankeinlagen. Eine Anhebung des Emittentenlimits - die Menge an Papieren, die die EZB von einem einzelnen Emittenten kaufen darf - wurde laut Draghi nicht diskutiert.

Andere Analysten waren etwas vorsichtiger. "Mit diesem Statement hat die EZB noch keine zusätzliche quantitative Lockerung angekündigt", urteilte zum Beispiel Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Allerdings brauche es nun wohl nicht mehr allzu viele neue Turbulenzen in Asien, um die EZB zum Handeln zu bewegen.

In jüngster Zeit hat der anhaltende Rückgang des Ölpreises die Inflationsraten und auch die längerfristigen Inflationserwartungen sinken lassen. Außerdem verringerte sich an den Märkten die Erwartung einer US-Leitzinserhöhung im September, was den Außenwert des Euro steigen ließ. Zudem haben sich die Wachstumserwartungen für die Schwellenländer, allen voran China, eingetrübt.

Eine weitere Abschwächung des Wachstums in den Schwellenländern stellt laut Draghi das deutlichste Wachstumsrisiko für die Eurozone dar. Laut Draghi erfassen die aktuellen Projektionen noch nicht voll die jüngsten Finanzmarktentwicklungen. Stichtag sei der 12. August gewesen, so dass es ein gewisses Abwärtsrisiko gebe. "Der größte Teil der Turbulenzen kam später", konstatierte Berenberg-Chefökonom Schmieding.

Trotzdem reichten diese Sorgen offenbar nicht aus, um den EZB-Rat schon jetzt zu der von vielen Beobachtern prinzipiell erwarteten Ausweitung des Ankaufprogramms zu bewegen. Bestätigt durfte sich der EZB-Rat von den Prognosen des volkswirtschaftlichen Stabs sehen. Dieser nahm zwar seine Prognosen für den Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in den Jahren 2015 bis 2017 gegenüber Juni und auch die Inflationsprognosen zurück, doch blieb die geldpolitisch bedeutsame Inflationsprognose für 2017 nahezu unverändert.

Für das laufende Jahr erwartet der EZB-Stab 1,4 (bisher: 1,5) Prozent Wirtschaftswachstum und für die Folgejahre 1,7 (1,9) bzw 1,8 (2,0) Prozent. Die Verbraucherpreise sollen demnach 2015 um 0,1 (0,3) Prozent steigen. Für 2016 und 2017 werden Teuerungsraten von 1,1 (1,5) und 1,7 (1,8) Prozent veranschlagt. "Wir könnten in den nächsten Monaten negative Inflationsraten sehen", sagte Draghi.

Die zuletzt wieder gestiegenen marktbasierten Inflationserwartungen bezeichnete der EZB-Präsident als "ziemlich volatil". Ursache könnten die Schwäche der Schwellenländer und der Ölpreis, aber auch viele andere Faktoren sein, zum Beispiel die Risikoprämien. "Wir müssen diese Faktoren prüfen, ehe wir entscheiden, ob sich der mittelfristige Ausblick verschlechtert hat", sagte er.

Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), riet der EZB zu einer Politik der ruhigen Hand: "Es ist wichtig für die EZB, die Nerven zu bewahren und auf die hohe Volatilität der Finanzmärkte nicht überzureagieren", sagte er. Für den Fall einer weiteren Konjunkturabschwächung halte er eine konditionale Verlängerung des Anleihenkaufprogramms für die wahrscheinlichste Option der EZB.

Die Reaktion der Finanzmärkte, an denen eine eher langweilige Draghi-Pressekonferenz erwartet worden war, fiel deutlich aus. Der Euro gab von 1,12 auf 1,11 US-Dollar nach. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen sank von 0,770 auf 0,742 Prozent und die zweijähriger Papiere von minus 0,218 auf minus 0,230 Prozent.

Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com

DJG/hab/smh

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September 03, 2015 10:47 ET (14:47 GMT)