BOEING CO.           DL 5
21.09.2014 12:16, Dow Jones

Boeings langsamer Abschied vom Kampfjet-Geschäft

Von Doug Cameron und Robert Wall

Boeing baut seit fast 100 Jahren schon Militärflugzeuge. Doch womöglich steht dem Traditionskonzern eine Zukunft ohne Kampfjets bevor. Da die USA und andere Staaten im Rahmen des Joint-Strike-Fighter-Programms künftig vor allem F-35-Jets von Lockheed Martin kaufen wollen, fließt bei Boeing kaum Geld mehr in Kampfjets.

Boeing baut seit fast 100 Jahren schon Militärflugzeuge. Doch womöglich steht dem Traditionskonzern eine Zukunft ohne Kampfjets bevor. Da die USA und andere Staaten im Rahmen des Joint-Strike-Fighter-Programms künftig vor allem F-35-Jets von Lockheed Martin kaufen wollen, fließt bei Boeing kaum Geld mehr in Kampfjets.

Jetzt hat der Chef der Verteidigungssparte von Boeing einen Plan ausgearbeitet, mit dem der Konzern Lockheed diesen Bereich überlassen und sich selbst auf andere Flugzeugvarianten konzentrieren würde, darunter auf für das Militär optimierte Verkehrsflugzeuge.

"Man muss sich der Realität stellen", sagte Chris Chadwick, Vorsitzender der Verteidigungs-, Raumfahrt- und Sicherheitssparte von Boeing, bereits im Juli über die sich wandelnden Prioritäten bei dem Konzern.

Kaum neue Bestellungen

Kampfjets von Boeing sind heute noch überall im Einsatz - so sind es Flugzeuge vom Typ F/A-18, mit denen die USA gerade Luftangriffe im Nordirak fliegen. Doch neue Bestellungen wird es kaum geben. Die Produktion des F/A-18 könnte 2017 enden, und die letzten F-15, die Saudi Arabien bestellt hat, sollen 2019 vom Band laufen.

Das Unternehmen erwägt, die Produktion des F/A-18 etwas zu verlangsamen, um das Pentagon vielleicht doch noch davon überzeugen zu können, für die Navy einige Boeing-Kampfjets zu kaufen. Dadurch hätten auch einige andere potenzielle Kunden wie Kanada und Dänemark mehr Zeit, sich bei geplanten Kampfjetkäufen auf einen Hersteller festzulegen.

Boeing will voraussichtlich bis zum April entscheiden, ob die F/A-18-Produktion in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri auslaufen soll. "Wir stehen immer noch hinter ihnen", sagte Chadwick am Donnerstag. Er glaubt, dass die F/A-18-Jets noch bis zum Ende des Jahrzehnts gebaut werden könnten.

Rigider Sparkurs

Chadwick, der am 31. Dezember Chef der Verteidigungs- und Raumfahrtsparte wurde, hat bereits Maßnahmen zur Kostensenkung und Effizienzsteigerung vorgelegt, mit der man sich an die knapperen Militärbudgets anpassen will. In den vergangenen drei Jahren hat Boeing die Ausgaben der Verteidigungssparte um vier Milliarden Dollar pro Jahr gesenkt. In diesem Zuge gingen tausende Jobs verloren. Bald sollen weitere zwei Milliarden Dollar eingespart werden, da die Militärs der USA und anderer Länder heute bei ihren Waffensystemen mehr auf den Preis achten als auf hochmoderne Technik.

Der 54-jährige Chadwick legte seine Strategie im August dem Aufsichtsrat von Boeing vor und soll sie im Oktober bei der Belegschaft verkünden, berichten mit dem Plan vertraute Personen.

Er will Zuständigkeiten und Produkte innerhalb der drei wichtigsten Abteilungen der Verteidigungssparte - Militärflugzeuge, Netzwerke und Raumfahrt, und Dienstleistungen und Support - neu verteilen. Mithilfe von Dienstleistungseinkünften sollen die jährlichen Umsätze über 30 Milliarden Dollar bleiben. Die Verteidigungssparte machte vergangenes Jahr 33 Milliarden Dollar der gesamten Boeing-Umsätze von 86,6 Milliarden Dollar aus.

In einer Videonachricht an die Angestellten sprach Chadwick diesen Monat über die Notwendigkeit schwieriger Einschnitte. "Diese Entscheidungen umfassen die Entwicklungen unseres Geschäfts und die Verteilung von Ressourcen", sagte er.

Mit dem Plan vertraute Personen sagen, dass die meisten Veränderungen mit internen Aufgaben und Zielen zu tun haben, dass Chadwick jedoch auch bereit sei, einzelne Programme wie die Kampfjetproduktion aufzugeben. Selbst die Sparte für bemannte Raumfahrt stand auf dem Spiel, bis der Konzern einen 4,2 Milliarden Dollar schweren Vertrag von der Nasa erhielt, um ein neues Weltalltaxi zu bauen und zu betreiben.

Mit dem Verlust von Joint Strike Fighter fing die Misere an

Boeing musste sich erstmals im Oktober 2001 um seine Kampfjetproduktion sorgen, als Lockheed Martin den Zuschlag für Joint Strike Fighter erhielt, ein 400 Milliarden Dollar schweres Programm, mit dem die meisten taktischen Kampfjets der USA ersetzt werden sollen.

Boeing setzte alles daran, neue Bestellungen für F/A-18 zu ergattern, blieb jedoch auch in Indien, Südkorea und Brasilien erfolglos.

Boeing schließt nächstes Jahr auch die Fabrik in Long Beach (Kalifornien), wo Frachtflugzeuge vom Typ C-17 gebaut werden. Zusammen mit dem Produktionsende der Modelle F/A-18 und F-15 dürften 50 Prozent der Umsätze der existierenden Militärflugzeugsparte verschwinden. Die Sparte produziert auch Hubschrauber und Munition.

"Boeing befindet sich am Scheideweg", sagt Michel Merluzeau, Managing Partner bei der Luftfahrtberatungsfirma G2 Solutions. „Sie sitzen derzeit zwischen einem traditionellen und einem sich verändernden Portfolio."

Boeing verkaufte im Jahr 1917 sein erstes Militärflugzeug, das Model C, an die US-Navy. Der erste Kampfjet von Boeing namens PW-9/FB folgte 1923. Das Unternehmen stellte auch bekannte Flugzeuge für den Zweiten Weltkrieg her, darunter den B-29-Bomber Superfortress, der die Atombomben über Japan abwarf. Maschinen vom Typ B-52 nutzt die US-Air-Force auch heute noch, 60 Jahre nach ihrem Jungfernflug.

Als Boeing 1996 McDonnell Douglas übernahm, erlebte die Verteidigungssparte eine Renaissance, die fünf Jahre zuvor nur zehn Prozent der Unternehmenseinkünfte generierte. Während der letzten Jahre hatte es Boeing in diesem Geschäftsfeld weltweit an die zweite Stelle geschafft, direkt hinter Lockheed. Einige Zeit generierte die Verteidigungs- und Raumfahrtsparte über die Hälfte der Umsätze von Boeing, bevor der Boom der kommerziellen Verkehrsflugzeuge während der vergangenen drei Jahre wieder alles auf den Kopf stellte.

Ein wenig Hoffnung bleibt noch

Boeing-Chef Jim McNerney sagte Investoren im Juli, dass sich die Umsätze in der Verteidigungssparte nur bei 30 Milliarden Dollar pro Jahr halten lassen, wenn die verlorenen Kampfjeteinkünfte mit neuen Aufträgen etwa für Langstreckenbomber, einen Ausbildungsjet für die US Air Force und das UCLASS-Drohnenprogramm der Navy ersetzt werden.

"Wir haben gute Chancen, einige dieser neuen Verträge zu gewinnen, was die Risiken auf der Kampfjetseite ausgleichen würde, während bei den F/A-18 und F-15 in den nächsten zehn Jahren etwas die Sonne untergeht", sagte McNerney.

Chadwick sagte am Donnerstag, dass der Auftrag für den Ausbildungsjet und potenzielle neue Aufträge für den F-15 das Design-Team in St. Louis retten würden. Die F-35-Maschinen sollen etwa 50 Jahre in Betrieb sein, und die Air Force diskutiert bereits, welche Art von Kampfflugzeugen folgen könnte.

Keiner der drei Aufträge, auf die sich Boeing Hoffnungen macht, wird leicht zu ergattern sein. Bei den Bombern konkurrieren Boeing und Lockheed gemeinsam gegen Northrop Grumman. Letzterer ist laut Analysteneinschätzung in der technischen Entwicklung jedoch schon weiter.

Boeing ist eine von vier Firmen, die sich außerdem um die nächste Stufe des Drohnenprogramms der Navy bewerben. Noch in diesem Monat könnte diese Gruppe jedoch kleiner werden. Boeing hat sich mit der schwedischen Saab zusammengetan, und ein neues Trainingsflugzeug zu entwickeln, jedoch wurden dazu noch keine Staatszuschüsse ausgewendet.

Fokus auf Softwareentwicklung

Chadwick führte zuvor die Militärjetabteilung, bevor er die Verteidigungssparte übernahm. Auslaufende Aufträge mit neuen zu ersetzen reicht ihm jedoch nicht. Boeing will mehr Softwareprodukte entwickeln und damit wie auch die Technologiebranche die schwindenden Umsätze mit Hardware ausgleichen.

Noch ist jedoch unklar, wie dieses Softwaregeschäft aussehen soll. Chadwick sagt, dass man sich dabei der wachsenden Nachfrage nach Datenanalytik bei Militär und Geheimdiensten annehmen werde, jedoch sei Boeing noch dabei, diese Sparte zu "definieren".

Chadwick will vor allem, dass Boeing neben seinen Rivalen wieder aus der Masse heraussticht. „In der kommerziellen Welt gibt es klare Unterschiede zwischen Apple und Microsoft, zwischen Google und Facebook", sagt er. „In der Verteidigungsbranche ist das nicht so eindeutig. Unser Fokus ist also: Wie heben wir uns von der Masse ab?"

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September 21, 2014 06:16 ET (10:16 GMT)